In Österreich wurden im Jahre 2013, 20,5Mrd Euro aus dem Steuertopf entnommen, um die Pensionen zu bezahlen. Das sind 22,7% aller Steuereinnahmen. Die Zahl nimmt Jahr für Jahr in bedrohlichem Ausmaß zu. Sogar die Sparkasse Österreich schreibt auf ihrem Blog, dass die Pensionen in Zukunft nicht mehr zum Leben reichen werden. Ich bin derselben Meinung.
 
Aus diesen Gründen habe ich den Herr Achatz von vorunruhestand.de gebeten, mir ein paar Fragen zum Thema Pension zu beantworten.

Hat unser Pensionssystem noch irgendeine Zukunft?

In der jetzigen Form nicht. Das Pensionssystem – oder die gesetzliche Rente in Deutschland – sind ein Umlageverfahren. Das heißt, die aktiv Beschäftigten erfüllen zwei Pflichten: Sie zahlen die Pensionen (oder Renten) der vorher gehenden Generation und ziehen parallel dazu die künftige Zahlergeneration groß. Und damit fangen die Probleme an – und es sind gleich zwei. Zum einen werden es immer weniger Zahler und immer mehr Empfänger, das wird auf Dauer so nicht funktionieren. Zum anderen entziehen sich viele der jetzt aktiven Beschäftigten ihrer zweiten Pflicht und bekommen keinen Nachwuchs, der irgendwann dann für sie die Rente oder Pension zahlen soll. Das ist unsolidarisch, aber Fakt – und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Eigentlich müssten Kinderlose mehr in das Pensionssystem einzahlen, da sie ja ihre zweite Pflicht nicht erfüllen, aber welcher Politiker will das durchsetzen.

Sind die Pensionen bzw. das Pensionssystem, so unsicher wie noch nie? (Kann man es besser machen?)

Kann man es besser machen? Ja, gute Frage. Ich habe mir das Schweizer Modell angeschaut, das auf drei Säulen steht. Im Gegensatz zu Deutschland – und Österreich – zahlen in der Schweiz alle ein, auch die Selbstständigen und Beamte. Die Schweizer kennen auch keine Beitragsbemessungsgrenze, die die Zahlung deckelt. Dafür liegt der Beitragssatz auch „nur“ bei 10,25 Prozent. In Deutschland liegt er hingegen bei 18,7 Prozent, wovon die Hälfte jeweils Arbeitgeber und -nehmer zahlen. Der Satz wird so nicht zu halten sein, deswegen will die Bundesarbeits- und -sozialministerin Andrea Nahles eine Haltelinie. Was die zweite Säule betrifft, die betriebliche Altersvorsorge, so sind die Schweizer Arbeitnehmer obligatorisch verpflichtet einzuzahlen, so sie denn mindestens 21 150 Franken pro Jahr verdienen. Selbstständige sind allerdings außen vor. Damit kommen die Schweizer auf ein Rentenniveau von etwa 60 Prozent ihres letzten Gehalts – das ist deutlich höher als in Deutschland, wo das Rentenniveau bei 47,9 Prozent liegt. Allein an den Beispielen Deutschland und Schweiz lässt sich ablesen, dass es dabei um politische Entscheidungen geht. Das Schweizer Modell ist deutlich zukunftssicherer als das deutsche.

Sind Sie der Meinung, unser Pensionssystem gleicht einem Schneeballsystem?

Schneeballsystem? Zurzeit sieht es ganz danach aus. Die Politiker können die Jungen nur bis zu einer bestimmten Grenze belasten, wenn sie es übertreiben, steigen die Jungen aus – indem sie sich verweigern oder auswandern oder rebellieren. Es ist einfach unredlich von den Politikern zu verschweigen, dass es nicht mehr so weiter gehen kann angesichts des demografischen Wandels. Es wäre ehrlich, jedem zu verdeutlichen, dass dieses Pensionssystem von anderen Voraussetzungen ausgegangen ist. Wer als Junger heute einzahlt und später nur noch eine Pension auf Sozialhilfeniveau bekommt, muss sich angeschmiert fühlen. Gerade das österreichische Pensionssystem wird von Kritikern als nicht zukunftsfähig angesehen. Und Deutschland steht eine Rentendebatte bevor, weil die Jungen langsam aufwachen.  

Wie kann sich die Jugend dagegen wehren?

Ich bin erstaunt, dass die Jungen nicht schon längst auf die Straße gegangen sind. Das hat wohl damit zu tun, dass die Pension noch so weit weg ist. Es wird höchste Zeit, dass sich die Jungen einmischen und mitdiskutieren. Wenn nicht, werden sie von den Alten an die Wand gedrückt.

Was würden Sie tun, wenn sie noch mal jung wären (unter 25)?

Ich glaube, ich habe nicht so viel falsch gemacht. Ich habe mir ein Haus gekauft und wohne somit im Alter mietfrei – das ist schon einiges. Ich würde mir, wenn es irgendwie geht, eine Immobilie kaufen, das könnte auch eine Wohnung sein. An Aktien kommt eigentlich niemand vorbei, denn auf lange Sicht – und ein 25-Jährige hat ja noch viel Zeit vor sich – ist ein gut diversifiziertes Depot unschlagbar.

Gibt es eine Erfolgsformel?

Klingt vielleicht eigenartig, ja die gibt es. Ein Depot aus sieben verschiedenen Aktien aus sieben verschiedenen Branchen und sieben verschiedenen Währungsräumen schlägt sogar jeden Index, egal, ob den Dax, den ATX, den Stoxx 600 oder den S&P 500. Das könnten beispielsweise eine dänische Coloplast sein, eine amerikanische Church & Dwight, eine Schweizer Geberit, eine deutsche Sartorius, eine britische Paddy Power Betfair, eine schwedische Swedisch Match und eine chinesische Tencent. Wer sich die Mühe macht, zehn, elf oder zwölf Jahre zurück rechnet, dürfte diese These bestätigt sehen – ein entsprechen gestreutes Depot hätte sich vervielfacht, trotz Finanzkrise.  

Sehen Sie in diesem Bereich auch Probleme in unserem Bildungssystem? Werden junge Leute nicht genug vorbereitet?

Ja, unbedingt. Viele sind leider Finanzanalphabeten, das heißt, sie kommen mit ihrem Geld nicht aus, wissen sich nicht zu helfen, wenn es um den Wechsel des Stromanbieters geht oder um die Auswahl der notwendigen Versicherung – alles ganz lebenspraktische Dinge. In der Schule wird versäumt, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären. Das gilt vor allem für Deutschland, wo das Fach Wirtschaft so gut wie nicht vorkommt.

Was halten sie von Frühpensionen? Wieso gehen so viele Menschen schon mit unter 60 in die Pension?

Mal ehrlich, viele können einfach nicht mehr, weil sie physisch oder psychisch am Ende sind. Das ist ein Problem unserer Arbeitswelt, die immer fordernder wird und die Leute auslaugt. Vielleicht sollten wir auf Modelle der 70er-Jahre zurückgreifen, damals wurde über Job Rotation, Job Enlargement und Job Enrichment gesprochen – als Instrumente zur Arbeitsplatzgestaltung. Diese Instrumente würde auch heute taugen, die Leute länger in der Arbeit zu halten, ohne dass sie ausbrennen und vorzeitig das Handtuch werfen.

Hält dieses System einer Krise stand?

Nein, das System funktioniert heute in der Schönwetterphase. Wehe, wenn wir eine ähnliche Krise bekommen wie 2009 mit steigenden Arbeitslosenzahlen mit über acht Prozent ohne Job. Dann läuft das Sozialsystem aus dem Ruder.  

Spielt die Inflation eine große Rolle bei dem Thema Pensionen?

Wegen des sinkenden Rentenniveaus – zumindest in Deutschland – ganz sicher. Ganz abgesehen davon steigt die Inflation ja auch wieder. Zu spüren bekommen das vor allem Pensionäre und Rentner in Großstädten wie München, Hamburg und Frankfurt – vermutlich auch in Wien. Die Inflationserwartung für 2017 liegt deutlich über der aktuellen Marke. Bislang profitierten die Verbraucher von niedrigen Ölpreisen, das ändert sich gerade. Über kurz oder lang schlägt das auf das allgemeine Preisniveau durch – und dann kann die Inflationsrate gleich in Richtung zwei Prozent steigen. Die Pensionäre und Rentner werden das an der Kaufkraft ihres Euro spüren. 

Helmut Achatz

Helmut Achatz

vorunruhestand.de

Helmut Achatz geboren 1954 in Kaufbeuren (DE)
Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der FH München.
Seine Karriere als Journalist begann bei der Wochenzeitung „Produktion“. Er wechselte noch einige Male den Arbeitgeber. Unteranderem war er als Chefredakteur des Online-Magazins „com!“ tätig, baute auch die Website von FOCUS-MONEY auf und gründete 1998 den Cyber Investmentclub. Seine Leidenschaft liegt sicher im Bereich der Finanzen und der Börse. Deshalb schien er mir auch als idealer Interviewpartner.
Er ist auch Gründer des Blogs vorunruhestand.de